An der Seite der Menschen auf der Flucht

Montag, 4. November 2019
  • Jubiläum 30 Jahre Diakonie Flüchtlingsdienst
Gedanken von Michael Chalupka, Bischof der Evangelischen Kirche A.B. zur Arbeit des Diakonie Flüchtlingsdienstes.
Für Michael Chalupka, Bischof der Evangelischen Kirche A.B. ist der Diakonie Flüchltingsdienst eine höchst professionelle Menschenrechtsorganisation
Michael Chalupka über die Arbeit des Diakonie Flüchtlingsdienstes.

Die Bibel ist ein Buch von Flüchtlingen für Flüchtlinge. Sie spiegelt die Erfahrungen von Menschen wieder, die ihre Heimat verlassen mussten, sich aber nicht von Gott verlassen wussten. Die ersten ChristInnen bezeichneten sich selbst als Fremdlinge in der Diaspora und die Briefe des neuen Testamentes sprechen ihre LeserInnen immer wieder als Fremde in der Welt an.

Es ist dem Volk Gottes eigen, in dieser Welt zu leben, aber nicht mehr ganz von dieser Welt zu sein. Herausgerufen zu sein, lässt auch einen gewissen Fremdheitseffekt entstehen. Diese Erfahrungen der Fremdheit, der Unbehaustheit, ja der Heimatlosigkeit sind den Büchern der Bibel eingeschrieben. Daraus entsteht auch eine besondere Sensibilität für die Verletzlichkeit derer, die in der Fremde leben müssen. Wer sich selbst ausgestreut in einer fremden Welt weiß, – nichts anderes heißt Diaspora –, entwickelt im besten Fall auch ein Gespür für die, die sich in einer ähnlichen Situation finden.

Dieses Gespür zeigt sich darin, dass so viele evangelische Gemeinden und Gemeindemitglieder der Evangelischen Kirche in Österreich Menschen auf der Flucht unterstützen, sie aufnehmen, Beziehungen zu ihnen knüpfen und sich für sie einsetzen.

Die Bibel ist ein Buch von Flüchtlingen für Flüchtlinge. Sie spiegelt die Erfahrungen von Menschen wieder, die ihre Heimat verlassen mussten, sich aber nicht von Gott verlassen wussten.
Michael Chalupka, Bischof der Evangelischen Kirche A.B.

Diese Unterstützung und Aufnahme kann man* als Hilfe, als Solidarität oder diakonischen Dienst beschreiben, das alles ist richtig. Doch es ist mehr. Es ist Christusbegegnung. Christusbegegnung und Verkündigung des Evangeliums und Christuszeugnis, das in tätiger Nächstenliebe aber auch im Wort – sei es im täglichen Gespräch oder bei einer Anhörung durch Behörden und Gerichte – geschehen ist und geschieht. In den letzten Jahren verging kaum eine Synode der Evangelischen Kirche bei der sie nicht geschlossen für die Rechte von Menschen auf der Flucht eingetreten ist.

Das Bemerkenswerteste am Einsatz für Menschen, die hier Schutz suchen, ist aber, dass dieses Engagement in unserer Kirche und in unseren Gemeinden in großer Einmütigkeit passiert ist. Kirchen haben einen Hang zur Auseinandersetzung – und das ist auch gut so, denn es geht ja um das rechte Zeugnis und im letzten auch darum, was für wahr oder falsch gehalten wird. Doch erstaunlicher Weise war der Einsatz für Flüchtlinge in unserer Kirche und unseren Gemeinden – anders als in anderen Teilen der Gesellschaft – kaum ein Anlass zur Auseinandersetzung, sondern etwas, was Gemeinden und Gemeindemitglieder über verschiedene theologische Positionen und Frömmigkeiten hinweg teilen – ein Zeichen des Zusammenhalts in schwierigen Zeiten. Die aktive Verkündigung des Evangeliums in Wort und Tat stärkt die eigene Identität. Besonders deutlich ist das Engagement der Evangelischen Kirche in der rasanten Entwicklung des Diakonie Flüchtlingsdienstes in den letzten 30 Jahren geworden. Gegründet in der Pfarrgemeinde Traiskirchen als spontane Reaktion christlicher Nächstenliebe, ist er heute eine höchst professionelle Menschenrechtsorganisation, die aber die einzelne Person mit all ihren Nöten und Bedürfnissen in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellt.