Ein Gespräch mit Christine Hubka über die Anfänge der Flüchtlingsarbeit

Montag, 4. November 2019
  • Jubiläum 30 Jahre Diakonie Flüchtlingsdienst
Aus persönlichem Engagement der Pfarrerin Christine Hubka entstand die Rechtsberatung des Diakonie Flüchtlingsdienstes.
Christine Hubka gilt als die Begründerin des Diakonie Flüchtlingsdienstes
Christine Hubka öffnete als junge Pfarrerin die Kirchentüren für geflüchtete Menschen - und gilt damit als Begründerin des Diakonie Flüchtlingsdienst.

Wir schreiben das Jahr 1983, woran erinnern Sie sich?

Christine Hubka: Am 1. Jänner 1983 bin ich Pfarrerin von Traiskirchen geworden. Ab meinem allerersten Tag sind Flüchtlinge vor meiner Tür gestanden, weil die Adresse des Pfarrhauses vormals die Adresse des Flüchtlingslagers Traiskirchen war: Otto-Glöcklstraße 16. Kaum bin ich eingezogen, haben die Menschen angeläutet. Damals war Traiskirchen ein Massenlager. Ich war das erste freundliche Gesicht, das die Flüchtlinge getroffen haben. Sie haben mich gebeten, die Behördenbriefe, die nur auf Deutsch waren, zu übersetzen.

Wie ging es weiter?

Eines Tages kam ein starkes Gewitter, es hat zu schütten begonnen. Viele Flüchtlinge, Familien, Kinder, Alte schliefen seit Wochen auf der Straße, weil sie im Flüchtlingslager nicht mehr untergekommen sind. Da sagte ich: Kommt in die Kirche!

Jede Nacht haben zirka 90 Menschen in der Kirche übernachtet. Wir haben Matratzen gespendet bekommen, diese tagsüber gestapelt und in der Nacht ausgebreitet.
Christine Hubka
Notschlafstelle der Diakonie in Traiskirchen
In der Notschlafstelle für geflüchtete Menschen in der Pfarre Traiskirchen kamen bis zu 90 Menschen unter. Geschlafen wurde auf gespendeten Matrazen in der Kirche und im Pfarrsaal.

Wie war das für die Gemeinde?

Plötzlich hatten wir volle Gottesdienste – und damit meine ich nicht die Flüchtlinge! Manche sind auch von der Kirche weggeblieben, aber unterm Strich sind mehr Menschen in die Kirche gekommen. Aber es gab auch eine Kehrseite: Wir haben drei Bombendrohungen erhalten. Jedes Mal hat mein 13-jähriger Sohn das Telefon abgehoben. „In einer halben Stunde geht die Bude hoch“, hieß es.

Wie kam es zur Etablierung der Flüchtlingsberatung?

Nach einigen Jahren hat die Pfarrgemeinde der Kirchenleitung in einem Brief die Notsituation geschildert. Daraufhin hat die Kirchenleitung die Anstellung einer Person finanziert. So haben wir 1989 Frau Dr. Hennefeld angestellt, die dann im Gemeindesaal die Flüchtlingsberatung mit vielen ehrenamtlichen DolmetscherInnen etabliert hat.

Wie ging diese Phase zu Ende?

Aus der Pionier- und Chaosphase entstand eine strukturierte, professionelle Beratungsarbeit, die Diakonie ist eingestiegen. Im Jahr 2002 konnte die Beratung aus dem Gemeindesaal in eigene Räume einziehen. Rückblickend betrachtet wäre es besser gewesen, ich hätte sofort Strukturen eingefordert. Natürlich, die Türen der Pfarrgemeinde öffnen, wenn es regnet. Aber dann wäre sofort politische Arbeit nötig gewesen, wie sie jetzt die Diakonie macht. Es ist gut, dass die Beratung in die Professionalität übergegangen ist.
 

Das Gespräch führte Heike Ehlers