Veronica Handl über ihr Engagement

Montag, 4. November 2019
  • Bildcollage geflüchtete Menschen - für sie setzt sich der Diakonie Flüchtlingsdienst ein
Veronica Handl ist politischer Flüchtling aus Argentinien und verbrachte zwei Jahre ihres Lebens im Gefängnis. Hier berichtet sie über ihre Arbeit beim Diakonie Flüchtlingsdienst und weshalb sie sich in ihrer Pension weiterhin für geflüchtete Menschen einsetzt.
Veronica Handl war langjährige Mitarbeiterin des Diakonie Flüchtlingsdienstes und engagiert sich in ihrer Pension weiterhin für geflüchtete Menschen
Veronica Handl setzt sich seit vielen Jahren für geflüchtete Menschen ein.

Wann hast du begonnen für den Diakonie Flüchtlingsdienst zu arbeiten?

Veronica Handl: Es war tatsächlich ein riesen Zufall, das weiß ich noch. Ich war damals schon – wie auch heute noch – ehrenamtlich bei Amnesty International tätig. Da hat mich eines Tages Ute Bock angerufen und gefragt, ob ich eine Waschmaschine für ihr Flüchtlingshaus organisieren könnte. Ich hatte eine bei mir zu Hause stehen und sagte ihr zu.

Die Männer, die sie abholen wollten, kannten sich aber mit der Installation nicht aus. Sie hätten fast alles unter Wasser gesetzt. Ich bin  dann  zu einem Installateur gegangen, hab mir alles erklären lassen und habe  die Waschmaschine so vorbereitet, dass sie abgeholt werden konnte.

Dann habe ich Frau Bock angerufen und ihr erzählt, wie das war. Da saß ich gerade im Büro von Amnesty International und jemand, der schon  bei der Diakonie arbeitete, hat mitbekommen, wie ich mich da engagiert hatte. Zu dieser Zeit wurde bei der Diakonie ein neues Haus zur Unterbringung von AsylwerberInnen eröffnet und sie sagten: „Diese Frau wollen wir haben.“

Wir waren nur zu zweit. Zum Glück haben uns die tschetschenischen Männer dann geholfen, die Betten aufzubauen.
Veronica Handl berichtet über den Aufbau des Flüchtlingshauses Rossauer Lände
 

Das war das Flüchtlingshaus Rossauer Lände?

Eine Familie im Flüchtlingshaus Rossauer Lände
Veronica Handl half, das Flüchtlingshaus Rossauer Lände aufzubauen. Geflüchtete Familien wie diese finden hier einen sicheren Platz zum Ankommen.

Ja, genau. Bevor das Flüchtlingshaus Rossauer Lände eröffnet wurde war dort das evangelische Krankenhaus. Damals kamen sehr viele tschetschenische Flüchtlinge nach Österreich und gemeinsam mit einer Kollegin hatte ich den Auftrag, die Zimmer vorzubereiten. Es gab nämlich gar nichts, keine Matratzen, keine Betten… wir sind gemeinsam zu Ikea gefahren und haben eingekauft. Dann haben wir begonnen die Stockbetten aufzubauen. Wir haben bis zwei Uhr früh gearbeitet. Plötzlich kam ein Telefonanruf, dass die ersten Flüchtlinge schon da sind und warten – wir wussten nicht, was wir machen sollten. Wir hatten zwar genug Betten gekauft, aber noch nicht viele zusammengeschraubt. Wir waren ja nur zu zweit. Zum Glück haben uns die tschetschenischen Männer dann geholfen, die Betten aufzubauen. Bis vier in der Früh war alles für die ersten Flüchtlinge fertig. Dann haben meine Kollegin und ich dort ein bisschen geschlafen. Am nächsten Tag sind wir wieder zu Ikea gefahren und haben nochmal Stockbetten und Matratzen gekauft und aufgestellt – das waren meine ersten Arbeitstage.

Ich bin politischer Flüchtlings aus Argentinien und wurde ausgewiesen. Ich war zwei Jahre im Gefängnis - dort ist auch mein Sohn Pablo geboren.
Veronica Handl musste selbst aus ihrer Heimat flüchten

Wie bist du eigentlich nach Österreich gekommen?

Ich bin politischer Flüchtling aus Argentinien und wurde ausgewiesen. Ich war zwei  Jahre im Gefängnis – dort wurde auch mein Sohn Pablo geboren. Zuerst flüchtete ich nach Deutschland. Dort machte das Magazin Stern eine Podiumsdiskussion mit dem Titel: „Die Würde des Menschen“ und sie haben mich für  die Veranstaltung als Sprecherin angefragt. Die Veranstaltung war so ein

Erfolg, dass der Reporter vom Stern zu mir sagte, ich könne mir wünschen, was ich wolle. Ich wollte ein Zugticket nach Wien – mein Aufenthalt in Deutschland war nämlich etwas problematisch und meine Familie kam ja ursprünglich aus Österreich. Ich bin also mit meinem Baby und Koffer auf der Landstraße in Wien angekommen.

Weil ich die Sprache hier nicht konnte, habe ich zunächst als Reinigungskraft gearbeitet. In Argentinien habe ich auf der Kunsthochschule studiert. In Wien habe ich deshalb einen Grafikkurs besucht. Danach habe ich einen Job in einer Druckerei gefunden. Das hat zum Leben gereicht. Amnesty  International hat mir dabei geholfen, eine Gemeindewohnung zu bekommen.

Ich fand einen Kindergarten und habe dann in einer Fabrik gearbeitet. Als mein Deutsch besser wurde, habe ich auch andere Jobs bekommen, bis ich bei der Diakonie gelandet bin.

Klient und Berater bei INTO-Wien
INTO Wien bietet seit über 20 Jahren Integrationsberatung, Deutschkurse und Wohnraum

In welchen Einrichtungen der Diakonie hast du noch gearbeitet?

Ich war auch in der Grimmgasse (ehemaliges Notquartier und Flüchtlingshaus, Anm.d.Red.) und bei INTO Wien (Integrationseinrichtung, Anm.d. Red.) tätig. In der Grimmgasse  war  ich für die Freizeitgestaltung der BewohnerInnen verantwortlich. Wir haben Wände ausgemalt, Fußball gespielt, Ausflüge gemacht die Stimmung im Team war sehr gut. Nach der Schließung der Grimmgasse konnten wir bei INTO Wien weiterarbeiten.

Was waren deine Aufgaben bei INTO Wien?

Ich habe am Empfang gearbeitet, war die Seelentrösterin für viele KlientInnen. Ich hab auch mit den Kindern gespielt und ihnen Spielsachen gekauft – Seifenblasen haben sie geliebt. Da es kaum Möglichkeiten auf Arbeit für die Menschen gab, haben manche geweint.

Es war sehr traurig, aber ich möchte diese Arbeit nicht missen. Ich bin froh, dass ich auch in der Pension weitermachen kann. Ich arbeite dort so gerne. Die Stimmung und die KollegInnen sind so wunderbar.

Was bedeutet dir die Arbeit mit Flüchtlingen?

Sehr oft grüßen mich Flüchtlinge auf der Straße – ich habe keine Ahnung mehr wer sie sind, aber sie kennen mich alle und grüßen mich auch noch nach vielen Jahren… das ist schön! Die Arbeit hat mich total bereichert. Ich habe so viel gelernt, auch wie man glücklich sein kann. Ich komme nach Hause, habe Licht, eine Badewanne, eine Heizung – ich habe alles. Geflüchtete Menschen haben absolut nichts…