Weltkindertag

Dienstag, 20. November 2018
  • 10 wichtige Kinderrechte
  • Grundsatz Gleichbehandlung UN-Kinderrechtskonvention
  • Das Kindeswohl hat Vorrang
  • Recht auf Leben und Entwicklung
  • Achtung vor der Meinung des Kindes
Am 20. November vor 29 Jahren wurde die UN-Kinderrechtskonvention verabschiedet. Das nehmen wir zum Anlass, um die Lebenswelt von geflüchteten Kindern in Österreich etwas näher kennenzulernen. Wir haben mit einer Kinderpsychologin von JEFIRA gesprochen und Kinder und Jugendliche aus einer unserer Unterbringungseinrichtungen besucht.

Was wünschen Kinder anderen Kindern am Tag der Kinderrechte?

 

Felicitas Heindl ist seit drei Jahren bei JEFIRA als Psychotherapeutin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene tätig. Im Gespräch gibt sie uns Einblicke in ihre Arbeit mit geflüchteten Kindern und erzählt, was sie geflüchteten Kindern wünscht.

Was kann Therapie bewirken?
Das Tragendste ist das Beziehungsangebot, das auf jeden Fall regelmäßig, absolut verlässlich und über einen längeren Zeitraum gegeben sein muss. Therapie bietet den Raum, in dem sich Zuversicht, Vertrauen, ein Gefühl von Sicherheit u.v.m. entwickeln können. Wo sich das kindliche Vertrauen in die Welt wieder entwickeln kann. Das Vertrauen, dass es gut werden kann, auch wenn es ganz schlimm war.

Mit welchen Herausforderungen kämpfen die Kinder, die Sie therapeutisch begleiten?
Sie haben schlimme Dinge erlebt, mussten fliehen. Sie wurden herausgerissen aus ihrer Umgebung und hier hineingesetzt in eine Welt, von der sie keine Ahnung haben. Und jetzt sollen sie sich hier schnell integrieren. Diese Anforderung wird vom Umfeld und auch von den Eltern gestellt. Es gibt aber nicht den erforderlichen Raum dafür, in Bildungseinrichtungen sind die Personen für den Umgang mit traumatisierten Kindern meist nicht ausgebildet. Zudem müssen sie mit traumatisierten Eltern oder anderen Bindungspersonen zurechtkommen. Auch ist ungewiss, ob sie überhaupt hier bleiben können. Kinder spüren die Anspannung und die Ängste der Erwachsenen und erleben sie dann genauso in sich selber. Mit all diesen inneren Vorgängen sind die Kinder meistens allein gelassen, es gibt wenig Raum für Ängste und Trauer.

Auch ist ungewiss, ob sie überhaupt hier bleiben können. Kinder spüren die Anspannung und die Ängste der Erwachsenen und erleben sie dann genauso in sich selbst.
Felicitas Heindl über die spezifischen Herausforderungen geflüchteter Kinder
Kindergerechte Therapie im geschützten Raum © Nadja Meister | Diakonie Flüchtlingsdienst
Bei JEFIRA ist der Therapieraum für Kinder auf ihre Bedürfnisse abgestimmt © Nadja Meister | Diakonie Flüchtlingsdienst

Wie gestaltet sich eine Therapie mit Kindern, mit Flüchtlingskindern im speziellen?
Grundsätzlich spielerisch. Über das Spiel wird ausgedrückt, wie es im Inneren aussieht. Dabei wird dem nachgegangen, was das Kind macht. Im Spiel werden auch Lösungsmöglichkeiten ausprobiert. Diese kommen meist vom Kind selbst. Ein Beispiel dafür ist das sog. „traumatische Spiel“: Während über längere Zeit im Spiel ein bestimmtes Thema immer und immer wieder wiederholt wird, sucht das kindliche Gehirn Lösungsmöglichkeiten, um das traumatische Erlebnis zu verarbeiten. Und - altersadäquat - ist Psychoedukation ein wichtiger Teil der Kindertherapie. Wenn das Kind versteht, was in seinem Körper vorgeht, z.B. welche Gefühle es gerade spürt und wo im Körper sich diese zeigen, kann es auch lernen, damit umzugehen. Auch die Arbeit mit den Bindungspersonen (meist Eltern oder Verwandte), ist wichtiger Bestandteil der Kindertherapie.


Können Sie Beispiele nennen, wie so ein Spiel aussieht?
Ein Kind, das im Alter von vier Jahren nach Österreich gekommen ist, hatte die Entführung eines Elternteiles miterlebt. In dem Fall ging es um Erpressung, der Elternteil kam wieder zurück, aber die Familie verlor das gesamte Vermögen. Kinder haben immer den Wunsch, ihre Eltern zu schützen. Das Kind spielte monatelang in einem Ritterspiel eine Szene mit mir nach, in der das Kind um alle Schätze bestohlen wurde. Die Szene veränderte sich im Laufe der Zeit, bis zu dem Augenblick, in dem das Kind den bösen Dieb nicht mehr an die Schätze heranließ. Das Kind war fähig sich und seinen Schatz gegen das Böse zu verteidigen, also nicht mehr „hilflos“ wie damals.

Ein anderes Kind, das bei der Überfahrt beinahe ertrunken wäre, hatte immer wieder den Wunsch mit Wasser zu spielen. Über lange Zeit wurden mehrere Szenen nachgespielt, die sich damals im Boot und im Meer abspielten. Auch Ertrunkene kamen im Spiel vor, es war also sehr dramatisch. Es dauerte sehr lange, bis das Kind mehr als seine Hände nass machen konnte. Im Verlauf der Therapie veränderten sich die Inhalte dieses Spiels vom Schrecklichen zu bunten Bildern, die es im Wasser mit Hilfe von Farben und Materialien gestaltete, bis es schussendlich sogar (mit Taucherbrille) sein Gesicht ins Wasser tauchte. Ab da war etwas gut geworden für das Kind.

Das Kind war fähig sich und seinen Schatz gegen das Böse zu verteidigen, es war also nicht mehr "hilflos" wie damals!"
Durch den spielerischen Zugang konnte ein Kind das Traumata eines entführten Elternteilts verarbeiten
Die seelischen Wunden geflüchteter Kinder können mithilfe einer Therapie heilen © Nadja Meister | Diakonie Flüchtlingsdienst
Die seelischen Wunden geflüchteter Kinder können mithilfe einer Therapie heilen © Nadja Meister | Diakonie Flüchtlingsdienst
Können die seelischen Wunden der Kinder jemals heilen?
Ja. Wenn auch nicht immer oder auch nicht immer gleich, das heißt nicht im Rahmen der ersten Psychotherapie, es kann sein, dass es in Etappen vorangeht.

Kommen Sie, trotz professioneller Ausbildung, manchmal auch an ihre Grenzen?
Eine Grenzerfahrung  ist in jedem Fall die Unbegreiflichkeit, was Menschen anderen Menschen, vor allem Kindern, antun können. Ansonsten gibt es  äußerlich bedingte Grenzen, wenn z.B. ein Kind nicht mehr kommen kann, weil es umziehen musste oder abgeschoben wurde. Oder die Eltern aus einem persönlichen Grund die Therapie der Kinder nicht fortsetzen wollen
Eine Grenzerfahrung ist in jedem Fall die Unbegreiflichkeit, was Menschen anderen Menschen, vor allem Kindern, antun können.
Heindl über Grenzerfahrungen in der psychotherapeutischen Arbeit mit geflüchteten Kindern
Woher schöpfen sie die Kraft für Ihre Arbeit?
Aus der Lebendigkeit, Freude und dem unbändigen Lebenswillen der Kinder. Daran, dass die Kinder an allem Freude haben – und wenn dies gerade einmal nicht möglich ist, dann gibt es den unbändigen Willen, dass alles gut wird. Den Willen zu leben. Und natürlich schöpfe ich auch Kraft aus der guten Zusammenarbeit innerhalb unseres Teams bei Jefira und aus meinem Privatleben – aus all dem Guten, das ich erlebe.

Hätten Sie drei Wünsche für Ihre kleinen Klient*innen frei …
Als erstes würde ich ihnen wünschen, dass sie in Sicherheit leben können, dass sie Asyl bekommen und bleiben können, willkommen sind, dazugehören dürfen und geliebt werden. Weiters, dass die Kinderrechte ein Recht sind, dass auch vollzogen wird. Und dass ihre seelischen Verletzungen heilen, dass das Vertrauen in die Welt wieder gewonnen wird. Dass sie erfahren, dass Frieden nicht nur die Abwesenheit von Krieg ist, also das sie viele positive Erfahrungen machen können.