Eine Glaubensfrage? Einvernahmen beim BFA

In der Einvernahme werden geflüchtete Menschen beim Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA) zu ihren Fluchtgründen befragt. Ihre Aussage sollte den MitarbeiterInnen beim BFA als Entscheidungsgrundlage im Asylverfahren dienen. Jutta B. und Elfriede Neugebauer* haben asylsuchende Menschen zu ihren Einvernahmen begleitet und sprechen mit uns über ihre Eindrücke.
Zwischen Hoffnung und Verzweiflung - die Zeit rund um die Einvernahme © Nadja Meister | Diakonie Flüchtlingsdienst
Zwischen Hoffnung und Verzweiflung - die Zeit rund um die Einvernahme © Nadja Meister | Diakonie Flüchtlingsdienst

Jutta B.: "Eigentlich müssten sie tot sein, um nachweisen zu können, dass ihr Leben wirklich bedroht ist!"

Jutta B.* begleitet sowohl im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit als auch privat, geflüchtete Menschen in vielen Bereichen des sozialen Lebens.

Wie erleben Sie persönlich die Einvernahmen?

Ich kenne häufig die Fluchtgründe oder zumindest große Teile der Geschichte von den Menschen, die ich zum Interview (*) begleite. Sie erzählen mir ihre Fluchtgeschichte auf einer Vertrauensbasis, auf der sich sehr viel Gefühle und Emotionen abspielen. Das Bedrohungsgefühl ist da oft sehr real. In der Einvernahme hat das alles keinen Platz. Da geht es um die Chronologie und Zeiträume der Geschehnisse. Es kommt dann drauf an: War das vor zwei oder vor drei Wochen? War das am Nachmittag oder am Vormittag? Die Bedrohung wird durch das Nachfragen negiert. Die Fragen werden meiner Meinung nach eher so gestellt, dass sie eigentlich nicht wissen möchten WIE etwas war, sondern nur: Wie lange hat das gedauert, wie sind sie zurückgekommen? Meiner Meinung nach werden diese Fragen nach Zeiträumen und Chronologie bewusst eingesetzt, um Verwirrung und Verunsicherung zu erzeugen.

Wie kann eine Bedrohung negiert werden?

Es wäre beispielsweise ja nicht wirklich gefährlich, wenn nur auf den Vater geschossen wurde oder wenn die Bedrohung über den Vater ausgerichtet wurde. Das seien keine persönliche Bedrohungen. Auch dann nicht, wenn sich der Sohn nicht mehr aus dem Haus traut. Er könne ja in eine andere Provinz gehen. Vor allem bei Menschen aus Afghanistan ist das die Argumentation. Wir legen Drohbriefe vor, die mit der Aussage beiseitegelegt werden, dass es sich um Fälschungen handelt. Oder wenn zum Beispiel die Schulklasse bedroht  und entführt wurde, sei das noch keine persönliche Bedrohung. Im Bescheid liest du dann von einem Schulausflug! Es wird ihnen zuerst immer unterstellt, dass sie lügen oder nicht die Wahrheit sagen wollen. Die Fluchtgründe werden nicht ernstgenommen, ihnen wird nicht geglaubt.

(* Unter den KlientInnen ist die Bezeichnung "Interview" für die Einvernahme beim BFA geläufig)

Es wird ihnen zuerst immer unterstellt, dass sie lügen oder nicht die Wahrheit sagen wollen. Die Fluchtgründe werden nicht ernstgenommen, ihnen wird nicht geglaubt.
Jutta B. über Glaubwürdigkeit beim BFA

Wie geht es den AsylwerberInnen vor und nach dem Interview?

Ich stelle fest, es ist einerseits eine Erleichterung, wenn die Einladung zum Interview endlich da ist – manche warten seit zwei bis drei Jahren, oder noch länger. Es ist also einerseits Erleichterung, denn endlich werden sie angehört. - Nachher erfolgt die Ernüchterung, weil in den Interviews ihre Flucht- oder Bedrohungsgründe so abgeschwächt werden. Es wird ihnen nicht geglaubt. Das BFA vermittelt ihnen den Eindruck, sie würden simulieren und sowieso nicht die Wahrheit sagen.

Wieso ist es Ihnen ein Anliegen, bei den Einvernahmen dabei zu sein?

Ich finde es wichtig, wenn noch jemand dabei ist, der der deutschen Sprache mächtig ist. - Ich glaube, dann ist der Ton der BeamtInnen ein anderer und man kann als BegleiterIn gegebenenfalls eingreifen, was man eigentlich nicht darf.

Einmal wurde ein Asylwerber im Interview gefragt, wann er in den Gottesdienst gehe. Er antwortete "Yekshanbe". Das heißt Sonntag auf Dari, aber der Dolmetscher übersetzte mit: "Montag oder Dienstag, er weiß es nicht genau!". - Ich hab dann korrigiert, also eingegriffen, ohne einen Verweis zu bekommen. - Ich habe den Eindruck, die Verständigung ist des Öfteren nicht gut.
 


 

Geflüchtete Menschen sind in den Einvernahmen oft stark verunsichert  © Nadja Meister | Diakonie Flüchtlingsdienst
Geflüchtete Menschen sind in den Einvernahmen oft stark verunsichert © Nadja Meister | Diakonie Flüchtlingsdienst

Elfriede Neugebauer* gibt ihren Freunden Rechts- und Seelenbeistand

Wenn Elfriede Neugebauer von den rund zehn geflüchteten Menschen spricht, die sie seit über drei Jahren in vielen Bereichen begleitet und unterstützt, dann spricht sie von ihren Söhnen und Freunden.

Sie weiß, warum ihre Freunde ihre Heimat verlassen mussten und begleitet sie nach Möglichkeit zu den Einvernahmen.

Wie erleben Sie Einvernahmen?

Es ist ein hin und her der Gefühle, du kannst es nicht einordnen. Sie (Anmerkung: die ReferentInnen im BFA) sind sehr erpicht auf Daten.

Ein Iraner, den ich begleitet habe, konnte nicht genau datieren, wann er nach Österreich kam, im Interview hat man sich so darauf versteift und alle Fragen rund um dieses spezifische Datum aufgebaut. Er wurde immer unsicherer, total fertig, traute sich gar keine Frage mehr zu beantworten.

Wie ist die Zeit vor und nach den Einnahmen für Sie und Ihre Freunde?

Sie ist schlimm, sehr schlimm. Sie sind zwischen großer Hoffnung und großer Verzweiflung! Am Anfang waren sie sehr motiviert, für einige ist es jetzt sehr schwierig, weil sie Angst haben, abgeschoben zu werden. Es ist eine permanente Angst, die einfach da ist.

Sie kennen die Fluchtgründe sehr gut. War in den Einvernahmen Zeit, diese ausreichend zu schildern?

Auf Vorgebrachtes wurde nicht wirklich eingegangen. Sie konnten kaum aussprechen, wurden ständig unterbrochen. Ein iranischer Freund wurde aufgefordert zu erzählen, wie er zum Glauben fand. Das begann für Najib* vor über 20 Jahren. Er wurde mit den Worten unterbrochen: „Das ist lange her, was soll das jetzt damit zu haben? Das kann ja kaum der Grund sein, warum Sie zum Glauben gefunden haben!"

Auch wenn das Gespräch gut verlaufen ist, heißt das noch nichts. Als Laiin hast du keine Chance was auszurichten!
Elfriede Neugebauers Einschätzung von Einvernahmen

Wie gehen Sie mit einem negativen Asylbescheid vom BFA um?

Wir legen immer Beschwerde ein. Nur zwei Personen aus unserer Pfarre wurden dem Diakonie Flüchtlingsdienst zugeteilt, da hatten wir größtes Vertrauen, dass das gut klappt. Für meine anderen Freunde habe ich Anwälte engagiert. Sie werden teils von mir, teils von der Pfarre bezahlt.

Was glauben Sie, warum das Asylansuchen Ihrer Freunde abgelehnt wurde?

Im Bescheid steht zum Beispiel immer: „Angeblich studieren Sie, angeblich machen Sie das und das! Angeblich gehen Sie in die Kirche!

Es wird ihnen nicht geglaubt. - Wir bringen dann zB. einen Studiennachweis nach, reichen die Bestätigung ein, dass er oder sie am Bibelkreis teilnimmt, oder bringen die Taufbestätigung ein.

Einmal wurde eine solche im Interview mit den Worten kommentiert: „DAS KÖNNTEN SIE AUCH IM COPYSHOP GEMACHT HABEN!“.

Wurde von Ihren Freunden schon jemand abgeschoben?

Nein, aber wenn, das passieren würde, dann haben sie vielleicht das Gefühl, "es gab Menschen in Österreich, die sich um mich gekümmert haben. Es sind nicht alle EuropäerInnen böse Menschen".

In ihren Heimatländern sind sie nur schwer zu erreichen oder zu kontaktieren, du weißt dann einfach nicht: Sind sie noch am Leben? Im Gefängnis? Du hast einfach Angst um sie.

* Die Namen sind der Redaktion bekannt. Frau "Neugebauer" wurde aufgrund ihres Engagements für Flüchtlinge mehrmals in der Nachbarschaft angefeindet. Aus diesem Grunde und zum Wohle ihrer Familie hat sie uns gebeten, weder ihren echten Namen noch ihr Bild zu veröffentlichen.